Die Bergerkrippe von Schwaz

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Die Bergerkrippe von Schwaz

Über die Entdeckung eines Schatzes in einer Keksschachtel

Im Jahre 2011 schenkte Frau Maria Berger eine wertvolle, über 200 Jahre alte Krippe, bestehend aus insgesamt 184 Figuren und 10 Schriftbändern, der Stadt Schwaz, welche sie seither von Anfang Dezember bis 2. Feber im Rathaus Schwaz ausstellt. Der fidibus sprach mit Herrn Erich Brenn, einem passioniertem und begabtem Krippenbauer, der die für die Aufstellung der Figuren nötigen Krippenberge und Vitrinen angefertigt hat.

Sehr geehrter Herr Brenn, was ist aus Ihrer Sicht das Faszinierende an Krippen?

Krippen hatten den Sinn, biblisches Geschehen zu veranschaulichen. Die Bevölkerung bestand zu einem großen Anteil aus Analphabeten und die Messen wurden lateinisch gelesen. Die vielen Bilder – und eine Krippe ist nichts anderes als ein plastisches Abbild – waren Übersetzer des Evangeliums. Die Leute haben sich, wenn sie Krippen betrachtet haben, die überlieferten Ereignisse vorstellen können.

So sind speziell bei uns im Raum Bayern, Tirol und Südtirol sehr viele – auch unterschiedliche – Krippen entstanden.

Das biblische Geschehen ereignete sich im Nahen Osten, dem heutigen Israel, und die Krippen waren daher anfänglich orientalisch, zum Teil mit einigen Besonderheiten. So hat man zwar nicht gewusst, wie Kamele ausschauen, trotzdem waren sie manchmal auf den Krippen dargestellt. Sie haben dann oft einem Pferd eher ähnlich gesehen als einem Kamel. Warum dies so war, ist einfach zu erklären: sie haben keine Vorstellung davon gehabt, wie Kamele ausschauen. Wie die ersten Mitteleuropäer dann tatsächlich dort waren und zurückgekommen sind, hat sich das radikal geändert.

Mit der Zeit sind dann immer mehr Künstler, Bildhauer und am Anfang zum Großteil Maler, auf die Idee gekommen, das christliche Geschehen zu uns zu verlagern. So sind dann auch immer mehr heimatliche Krippen entstanden.

Waren die Papierkrippen die Vorgänger der geschnitzten Krippen?

Die geschnitzten Krippen und die Papierkrippen existierten parallel. Die Schnitzer haben es von den Möglichkeiten und Motiven her schwieriger gehabt und nicht mit den Malern mithalten können, welche ihre Ideen leichter umsetzen konnten. Das Schnitzen von Krippenfiguren haben in Tirol die Giner aus Thaur vorangetrieben, welche zum Beispiel auch die Figuren für die Wallfahrtskirche in Absam geschaffen haben. Die Papierkrippen sind mit dem Aufkommen der geschnitzten Krippen mit der Zeit etwas ins Hintertreffen gekommen.

Geschnitzte Krippenfiguren konnten sich die Leute damals auch von sogenannten Störschnitzern anfertigen lassen. Diese zogen durchs Land und führten kleinere Aufträge aus. Sie wurden dafür verköstigt, hatten einen Schlafplatz und sind nach der Fertigstellung der Auftragsarbeit weitergezogen. Die Figuren der Krippen waren zumeist beschränkt auf die Heilige Familie, ein paar Schafe, Hirten und maximal noch die Heiligen Drei Könige. Erweitert wurde die Zahl der Figuren bei diesen Krippen fast nie.

Die Maler waren da fortschrittlicher, wenn man das so sagen will. Die haben begonnen, den Umfang der Krippe zu erweitern, und teilweise den gesamten Weihnachtszyklus dargestellt.

In Schwaz war Christoph Anton Mayr der einzige, der eine Ganzjahreskrippe geschaffen hat. Diese Papierkrippe kann im Rabalderhaus in Schwaz besichtigt werden. Sie zeigt alle Szenen, die in Bezug auf den Ablauf des Kirchenjahres darstellbar waren.

Wie ist es nun dazu gekommen, dass die Stadt Schwaz zu dieser besonderen „Bergerkrippe“ kam?

Ich bin, nachdem ich in Pension gegangen war, dem Krippenverein beigetreten und habe immer wieder mitgeholfen. Eines Tages wurde ich angerufen, dass jemand eine Krippe vorbeibringen will.

Anna Fender, die beste Freundin von Maria Berger, der Besitzerin der Krippenfiguren, hat diese dann in deren Auftrag in einer mit Spagat verschlossenen Keksschachtel dem Krippenverein übergeben. Maria Berger wollte sie dem Krippenverein bzw. der Stadt Schwaz schenken, wenn sie sich verpflichten, diese jedes Jahr aufzustellen.

Da ich mich mit Papierfiguren beschäftigt habe, habe ich auch als Laie sofort gesehen, dass es sehr alte Krippenfiguren sind. Der Zustand war jedoch ausgezeichnet. Demnach hätten sie auch ganz frisch gemacht worden sein können.

Zuhause habe ich die Krippenfiguren dann genauer gesichtet und sie, soweit ich ihre Beziehung zueinander erkennen konnte, auf Styroporplatten gesteckt. Irgendwann hat sich herausgestellt, dass ich mehr Könige hatte, als ich brauchen konnte. Ich hatte statt drei Königen bald schon vier, und dann entdeckte ich auch noch Drachen, Schlangen und Krokodile.

Jetzt habe ich mich umgehört, wer sich bei Krippen gut auskennt. Dabei bin ich zu Herrn Mag. Rudolf Silberberger gekommen, der Kurator der Diözese Innsbruck für kirchliche Kunst war.

Er hat auf Grund seiner Erfahrung sofort die für mich vermeintlich fehlenden Figuren erkannt und konnte sie zuordnen. So fand ich bei der Szene über die Flucht nach Ägypten nur Maria mit dem Kind, Josef schien aber zu fehlen, da ich auf der Suche nach einer Figur mit einem Heiligenschein – wie bei den vorherigen Szenen – war. Er sah sofort den Josef mit dem Handwerkszeug auf dem Rücken und stellte das ganze rasch zusammen. Die Schöpfer der Krippe haben offensichtlich ganz genau nach der Funktion unterschieden. Bei der Flucht war der Engel wichtig, der die Heilige Familie geführt und beschützt hat. Da Josef in dieser Szene nicht mehr so bedeutsam war, fehlte ihm hier der Heiligenschein.

Mag. Silberberger konnte mich auch darüber aufklären, welche Bewandtnis es mit den vermeintlichen vier Königen hat. Diese stehen bei der Szene zur Verherrlichung Jesu für die damals bekannten vier Erdteile.

Was ist über die Herkunft und das Alter dieser Weihnachtskrippe bekannt?

Wer die Krippenfiguren geschaffen hat, ist nicht bekannt. Es ist weder etwas datiert noch signiert. Ich vermute aber, dass zwei Personen daran gearbeitet haben.

Die Bestimmung des Alters ist ebenfalls schwierig. Herr Mag. Rudolf Silberberger, bei dem ich mich diesbezüglich erkundigt habe, wollte sich zwar nicht festlegen, schätzte die Krippe aber auf die Zeit des Spätbarocks. Der Restaurator Mag. Wolfgang Götzinger kam bei seiner Schätzung auf ein ähnliches Ergebnis. Hinweise geben verschiedene Symbole, anhand derer man den Zeitraum auch etwas einschränken konnte. So sind etwa am Tempel Girlanden angebracht. Diese Art der Gestaltung war nur in einer rund 40 Jahre langen Zeitspanne üblich. Diese Zeitspanne würde zu der Annahme berechtigen, dass die Krippe um 1780 herum entstanden sein dürfte.

Wie kam es zu dem Auftrag für den Bau der Krippenberge?

Nachdem ich die beschriebenen Recherchen durchgeführt hatte und da ich wissen wollte, was mit der Krippe weiter geschehen sollte, wurde ein Termin beim Bürgermeister vereinbart, bei welchem auch Frau Maria Berger anwesend war. Bei dieser Gelegenheit hat mich der Bürgermeister gebeten, für die Krippenfiguren eine Krippe anzufertigen.

Ich habe daraufhin versucht, für die Figuren ein angemessenes und den Anforderungen entsprechendes Ambiente zu gestalten. Die Krippe besteht aus insgesamt sieben Szenen. Nach einiger Überlegung kam ich zu dem Schluss, diese in insgesamt fünf Vitrinen unterzubringen, anstatt einen einzigen Krippenberg zu bauen. Zum einen ist es sehr kompliziert, die verschiedenen Szenen auf einem Krippenberg zu berücksichtigen, zum anderen belastet das Umstecken die Figuren.

Von Juni bis Dezember habe ich dann die Arbeiten durchgeführt, nicht nur für den Krippenberg selbst, sondern auch für das entfern- und stapelbare Untergestell für die Vitrinen. Krippen sollten nicht auf Tischhöhe sein, da man sie dann aus der Vogelperspektive betrachtet, sondern etwas höher, so etwa auf 1,20 m, damit man in einem nur leichten Winkel hinschauen kann. Am 15. Dezember war ich fertig. Der Bürgermeister hat die Krippe bei mir zu Hause besichtigt und war begeistert.

Die Vitrinen werden im Rathaus verwahrt und können jedes Jahr von Anfang Dezember bis zum 2. Februar (Maria Lichtmess) im 3. Stock des Schwazer Rathauses im großen Vorraum besichtigt werden.

Welche Szenen werden in dieser Weihnachtskrippe dargestellt?

Insgesamt besteht die Weihnachtskrippe aus sieben Szenen, die insgesamt 184 Figuren und Kulissen sowie zehn Schriftbänder umfasst. Nachfolgende Szenen können besichtigt werden:

  1. Geburt und Anbetung durch die Hirten
  2. Beschneidung
  3. Verherrlichung des Namens Jesu durch die vier Erdteile Europa, Afrika, Asien und Amerika – Australien kannte man damals noch nicht
  4. Anbetung durch die Könige
  5. Maria Lichtmess
  6. Flucht nach Ägypten mit Drachen und Schlangen
  7. Kindermord

Welche Besonderheiten gibt es dabei?

Bei der Szene über die Verherrlichung des Namens Jesu durch die vier Erdteile wurden, zumindest was Europa betrifft, vermutlich Herrscher der damaligen Zeit dargestellt. In der Giner-Krippe ist für Europa Kaiserin Maria Theresia abgebildet. Bei der Schwazer Krippe weiß ich nicht, welche Person den Erdteil Europa verkörpert. Dies wäre vielleicht durch Fachleute auf Grund von Merkmalen oder durch den Vergleich mit Darstellungen von Herrschern ableitbar.

Einzig bei der Szene mit der Flucht nach Ägypten war eine Figur leicht beschädigt, nämlich jene, die vor dem Krokodil davonläuft. Bis auf diese Figur, die ich etwas geklebt habe, sind alle anderen Figuren im Originalzustand. Eine Seltenheit ist auch die Szene mit dem Bethlehemitischen Kindermord. Weil solche Szenen zumeist sehr grausam dargestellt waren, sind diese häufig nach und nach vernichtet worden.

In den Krippen wurden häufig auch die tägliche Arbeit und das tägliche Leben dargestellt. Wenn man bei dieser Krippe genau hinsieht, entdeckt man unter anderem mehrere größere Gebäude und sehr viele Jäger. Da die Jagd ein Privileg des Adels war, könnte man auf dieser Grundlage Vermutungen über den Schöpfer oder den Auftraggeber der Krippe anstellen. Bekannt ist diesbezüglich aber nichts.

Über Papierkrippen

Papierkrippen haben sich relativ gut gehalten. Es gibt immer noch einen Kreis von Personen, die sich dafür interessieren. Die Krippen der guten Papierfigurenmaler werden heute immer noch nachgedruckt.

Lieber Herr Brenn, vielen herzlichen Dank für das Gespräch über die faszinierende Welt des Krippenbaus und die Vorstellung der Weihnachtskrippe im Schwazer Rathaus.

Das Interview führten
DI (FH) Stefan Siegele v/o Mag. Miraculix, ABI und Mag. Roland Grill v/o Dr. Hugin, CIK

Zum Interviewpartner:

Herr Erich Brenn ist gelernter Maschinenschlosser. Nach abgeschlossener Lehre trat er ins Österreichische Bundesheer ein und war bis zu seiner Pensionierung Pionier-Unteroffizier in der Frundsbergkaserne und auf dem Schießplatz Vomp. Er war schon von klein auf von Krippen begeistert. Er baute eine Vielzahl von verschiedenen Krippen, wovon er uns während des Interviews einige beeindruckende, wie die auf dem Titelbild dargestellte Schneekrippe oder die Baumschwamm-Fastenkrippe, zeigte. Er ist auch Sammler von Krippen und Krippenfiguren und hat sich ein umfangreiches Wissen zum Thema „Krippen“ erworben. Sein Wissen und seine Begeisterung gab er unter anderem in mehreren Kursen an der Volkshochschule Schwaz an 45 bis 50 Schüler weiter.

Die Fotografien der Krippenszenen wurden mit freundlicher Genehmigung von Herrn Brenn aus dessen Bestand übernommen.

Titelbild: Von Erich Brenn gebaute Schneekrippe (Ausschnitt). Die Krippe ist auf Baumschwamm montiert und beleuchtet. Über einem von Margreth Streiter als verschneites Gebirge gemalten Hintergrund wölbt sich ein Nachthimmel mit leuchtenden Himmelskörpern, der den Bezug zur Stillen Nacht herstellt.